Statuswettbewerb
Liebe WoP-Community!
Zahlreiche Geschichten haben uns erreicht – Begegnungen voller Staunen, vorsichtiger Annäherung und außergewöhnlicher Verbindungen zwischen Mensch und Tierwesen. Jeder Beitrag brachte seine eigene Atmosphäre und Interpretation mit sich und machte die Entscheidung alles andere als leicht.
Doch nun endlich können wir den Gewinner des Statuswettbewerbs verkünden!
 
 
Wilfried Weitweg
 
Die Einsendung
Lewin Rhodes hatte sich sein Leben so gestaltet, wie er es jahrelang gewollt hatte. Nachdem er seine Eltern bereits früh verlor, hatte er sich immer mehr von der Gesellschaft abgekapselt und nur noch darauf gewartet, dass er nicht mehr unbedingt auf sie angewiesen war. Nach dem Abschluss seiner magischen Ausbildung hatte sich der muggelstämmige Zauberer eine schöne Hütte in Waldnähe gesucht, wo er sich unfassbar gerne aufhielt, wenn er beruflich nicht durch die Gegend reiste. Hier, an diesem wunderbaren Ort, fand er jedes Mal die Ruhe, die er brauchte, um seine innere Batterie aufzuladen und konnte nach seinen Prinzipien leben. Rhodes war ein Mann, der sich penibel an Abläufe, Regeln und Prinzipien hielt, die er sich selbst geschaffen hatte. Und normalerweise lief nichts außer Plan… Bis zu diesem einen Tag. Ein leichtes Schmunzeln schmückte sein Gesicht, während sein Blick in den wolkenlosen Himmel glitt.

“Mister Rhodes, kommen Sie, kommen Sie”, erklang die helle Stimme jener Dame, die ihn an diesem Tag beauftragt hatte. Er erinnerte sich noch genau, denn der Tag war ganz anders gelaufen als alle anderen zuvor und danach. Der Braunhaarige schob sich an die Seite der Dame, lauschte den Aufträgen und nickte stumm. Das war machbar. Als sie ihn endlich in Ruhe ließ, widmete sich der Mann seiner Aufgabe, wofür er sich hinknien und mit seinem Werkzeug arbeiten musste. Lewin kam gut voran, wusste, wie er mit diesen Pflanzen arbeiten musste.

So war er recht schnell fertig und erhob sich langsam, um im Augenwinkel etwas Unscheinbares wahrzunehmen. Sein Blick fokussierte den Punkt langsam, er stellte sich in Zeitlupe auf die Beine und hob langsam die Hände. “Alles gut, ich hab nur an der Pflanze rumgemacht. Schau”, erklärte der Kräuterkundler mit immer noch erhobenen Händen, seine Stimme war kaum zu hören. Der Baum vor ihm hatte wohl einen Besucher oder gleich einen Bewohner? Die kleine Gestalt, die beinahe schien, als sei sie ein Teil des Baumes, war dem Mann gut bekannt: Ein Bowtruckle. Die braunen Äuglein hatten ihn genau im Blick und Lewin hoffte, dass er genau gesehen hatte, dass er sich nur mit der Pflanze und nicht mit dem Baum beschäftigt hatte. Es war nämlich allen informierten magischen Menschen bekannt, dass Bowtruckles friedliche Wesen der ZM-Klassifizierung XX waren, also waren sie… Bis man sich an ihrem Baum zu schaffen machte, denn dann konnte das Ganze schon ziemlich ins Auge gehen… Und das wortwörtlich. Es gab durchaus Baumfäller:innen, denen dadurch ein Auge ausgekratzt wurde. Er wollte dazu nicht gehören, dafür waren ihm seine hellblauen Augen definitiv zu wichtig.

Lewins Blick widmete sich den gefährlichen Klauen und wanderte die langen Finger nach oben. Die Anatomie eines Bowtruckles war jedes Mal etwas überaus Beeindruckendes für ihn. Diese faszinierenden Wesen konnten sich aufgrund ihres Aussehens, so rindigzweigig eben, perfekt in Bäumen und grünem Laub tarnen. So wie dieser eben, der total unerwartet vor Lewins Nase aufgetaucht war. Trotz der Tatsache, dass er nicht mit dieser Begegnung gerechnet hatte, war er natürlich vorbereitet. Er hatte zwar keine Feen-Eier oder Kellerasseln in seiner Arbeitstasche, aber tief unten in dem magisch vergröẞerten Aufbewahrungsort fand er eine Box mit Holzläusen. Bedacht und mit Vorsicht streute ein paar Holzläuse auf einen der Äste, der ein wenig von dem kleinen Wesen entfernt war. Ein bekannter Trick, um zumindest kurzzeitig zu einer Besänftigung zu führen und sich an den Bäumen bedienen zu können, denn einen wütenden Bowtruckle konnte man schlecht mit dem Zauberstab aufhalten. Der wusste einfach, wie er ausweichen musste. Das hatte der junge Mann allerdings nicht im Sinn, er wollte nichts stehlen. Es dauerte eine Weile, bis der Bowtruckle sich der kleinen Leckerei widmete und Lewin durchatmen konnte. Die Ablenkung nutzte er, um einmal zu kontrollieren, ob irgendwo noch ein Bowtruckle sein Unwesen trieb. Dieser hier schien alleine zu sein. Bis die Dame wieder auftauchte, war Bertie beschäftigt. Nach Absprache folgten mehrere Besuche, in denen sich Lewin Bertie langsam annäherte. Und dann passierte das, womit Lewin in seinem Leben nie gerechnet hatte: Bertie wurde irgendwann Teil seiner Familie. Oder sorgte dafür, dass er plötzlich eine Familie hatte.


Lewin genoss die sachten Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Ja, das damals war tatsächlich unerwartet gewesen und dass er mal Besitzer eines Bowtruckles sein würde, hätte er sich wohl niemals ausgemalt. Das war jedoch der Fall und bis dahin war ein langer Weg gewesen. Bertie war fester Bestandteil seines Lebens und er tat alles, um seinem Bowtruckle das bestmögliche Leben zu ermöglichen. Mit der Zeit hatten sie sich zu einem waschechten Team entwickelt und voneinander gelernt. Wo Lewin war, war Bertie. Wo Bertie war, war Lewin. Selbst beim Arbeiten schlüpfte Bertie gerne in Lewins Täschchen, begleitete ihn an manch Tagen und genoss sein Leben in aller Fülle. An anderen Tagen verbrachte Bertie den Tag in seinem geliebten Bäumchen und bewachte ihn mit Leib und Seele. Dass er sich mal so an ein Wesen binden würde, hätte er niemals gedacht und für Bertie wich er sogar von Routinen ab, die jahrelang nicht hinterfragt wurden. Der Braunhaarige hatte jahrelang felsenfest geglaubt, er würde seine Tage auf dem Planeten Erde alleine verbringen. Dass sich nun ein stabheuschreckenähnliches Wesen von kaum zwanzig Zentimeterchen tief in sein Herz gegraben hatte, würde sein jüngeres Ich niemals glauben. Sein jetziges Ich konnte es an den meisten Tagen nicht mal selbst fassen. Trotzdem genoss er seine ruhigen Tage… mit Bertie. Andere Menschen musste er nicht jeden Tag in seinem Leben wissen. Bertie reichte.

Ein Knall. Lewin zuckte heftig zusammen und drehte sich um. Bei Merlins Bart! Das war ihm noch nie passiert! Etwas panisch griff er in seine Tasche, in der sich eigentlich sein Zauberstab befindet… Fehlanzeige. Na, super. “Das ist jetzt nicht mein Ernst. Kein Zauberstab und kein Schlüssel?!”, gab er entrüstet von sich und seufzte genervt. Bertie lugte interessiert aus der Schlafhemdtasche heraus. “Ja, Bertie, schau es dir ruhig an. Ich hab richtig versagt…”, er rüttelte an der Tür, aber da war nix zu machen. Toll, das hatte ihm noch gefehlt. Musste er wirklich ungewaschen und im Schlafanzug nach Hilfe suchen?

Während er überlegte, was nun die nächsten Schrittchen waren, hatte Bertie andere Pläne. Der Bowtruckle kletterte zu dem Türschloss und schaffte es durch seine dünnen, langen Fingerchen geschwind, das Türschloss zu knacken. Lewin hatte noch nie jemanden beim Knacken eines Türschlosses beobachtet, aber er war sich sicher, dass das kein Mensch so schnell wie Bertie schaffte. “Bertie!”, kam es Lewin erstaunt über die Lippen und nahm seinen kleinen Begleiter auf die Hand. “Dafür gibt es alles, wonach dein Herz heute gelüstet! Du bist der Beste!" Lewin zog sich mit Bertie in ihr Zuhause zurück, wo der Bowtruckle so einige Leckereien bekam, bevor er sich zum Ausruhen zurückzog. Mittlerweile hatte Lewin nämlich alles Mögliche, um Bertie ein schönes Leben zu ermöglichen, indem er genug Rückzugsmöglichkeiten bot und ihn mit allem fütterte, wonach das Herzchen des Bowtruckles schlug. Manchmal brauchte es keine Menschen. Manchmal reichte ein kleiner Bertie, um die schönen, empathischen Seiten eines Menschen zu reaktivieren und die Erde zu einem besseren Ort zu machen.


Die Jury
Cian
Fitzpatrick
Araminta
Stramonium
Violet
Hunt
 
Achille
Allard
Jarek
Baynton


Sonstiges
Eine vollständige Übersicht über Regeln, Richtlinien und Kriterien findet ihr hier!
Die Jury und das SoMe-Team gratulieren herzlich!
with love, das SoMe-Team ♥